Berliner Boersenzeitung - Dokumentarfilm „Naza“ untersucht den Begriff des Kollateralschadens

EUR -
AED 4.092925
AFN 72.441397
ALL 90.723112
AMD 402.249276
ANG 1.994678
AOA 1023.09155
ARS 1715.709784
AUD 1.583517
AWG 2.006062
AZN 1.896801
BAM 1.954807
BBD 2.24336
BDT 138.177346
BGN 1.947921
BHD 0.420381
BIF 3341.717888
BMD 1.114479
BND 1.42705
BOB 13.25039
BRL 5.948423
BSD 1.113884
BTN 105.874806
BWP 15.409105
BYN 3.276977
BYR 21843.788546
BZD 2.240232
CAD 1.564204
CDF 2580.018673
CHF 0.923412
CLF 0.027819
CLP 1098.407904
CNY 7.431736
CNH 7.427691
COP 3521.909691
CRC 506.520037
CUC 1.114479
CUP 26.733423
CVE 110.20903
CZK 24.330076
DJF 198.360152
DKK 7.474387
DOP 68.31408
DZD 150.728636
EGP 62.526838
ERN 16.717185
ETB 181.194641
FJD 2.510699
FKP 0.834993
GBP 0.836812
GEL 2.889886
GGP 0.834993
GHS 12.982523
GIP 0.834993
GMD 82.471231
GNF 9857.993579
GTQ 8.5126
GYD 233.422503
HKD 8.742698
HNL 29.905276
HRK 7.533324
HTG 145.917205
HUF 366.676994
IDR 20202.160968
ILS 3.367627
IMP 0.834993
INR 105.900526
IQD 1688.612129
IRR 2025016.717515
ISK 136.390629
JEP 0.834993
JMD 177.229993
JOD 0.790129
JPY 175.819654
KES 144.804194
KGS 97.460297
KHR 4547.608869
KMF 491.484956
KPW 1003.031064
KRW 1478.423124
KWD 0.346748
KYD 0.928233
KZT 509.112309
LAK 25069.930716
LBP 99748.100006
LKR 370.311936
LRD 189.36468
LSL 18.577499
LTL 3.290766
LVL 0.674138
LYD 7.15505
MAD 10.971928
MDL 20.116603
MGA 5070.356756
MKD 61.548742
MMK 2340.151513
MNT 4011.463853
MOP 9.000669
MRU 44.749471
MUR 52.736817
MVR 17.218759
MWK 1931.527732
MXN 20.74893
MYR 4.555956
MZN 71.226281
NAD 18.577332
NGN 1495.096036
NIO 40.988448
NOK 10.396445
NPR 169.400449
NZD 1.95562
OMR 0.428493
PAB 1.113919
PEN 3.837482
PGK 4.993464
PHP 71.173992
PKR 308.243058
PLN 4.397567
PYG 6480.708747
QAR 4.060538
RON 5.351302
RSD 117.512874
RUB 89.771282
RWF 1648.570163
SAR 4.179702
SBD 8.98788
SCR 15.524315
SDG 670.356107
SEK 11.064899
SGD 1.426946
SHP 0.835129
SLE 25.57771
SLL 23370.072448
SOS 636.571003
SRD 41.960689
STD 23067.46533
STN 24.486466
SVC 9.74705
SYP 14490.455704
SZL 18.569403
THB 37.608657
TJS 10.247344
TMT 3.900677
TND 3.335506
TOP 2.683398
TRY 55.487013
TTD 7.560991
TWD 36.11692
TZS 2947.345587
UAH 50.849976
UGX 4884.431768
USD 1.114479
UYU 44.657321
UZS 13294.010016
VES 958.37947
VND 28791.450679
VUV 132.336833
WST 3.081233
XAF 655.957
XAG 0.02047
XAU 0.000274705541
XCD 3.011936
XCG 2.007462
XDR 0.787994
XOF 655.957
XPF 119.331742
YER 263.183983
ZAR 18.49779
ZMK 10031.64791
ZMW 22.46329
ZWL 358.861786
SSP 6403.464186
MXV 2.340312
  • DAX

    -302.3600

    24896.83

    -1.21%

  • Goldpreis

    -2.0000

    4184.7

    -0.05%

  • Euro STOXX 50

    -85.8200

    6183.2

    -1.39%

  • SDAX

    -226.5300

    18203.94

    -1.24%

  • TecDAX

    -36.8700

    3964.45

    -0.93%

  • MDAX

    -414.1700

    30428.36

    -1.36%

  • EUR/USD

    -0.0038

    1.1296

    -0.34%

Dokumentarfilm „Naza“ untersucht den Begriff des Kollateralschadens
Dokumentarfilm „Naza“ untersucht den Begriff des Kollateralschadens

Dokumentarfilm „Naza“ untersucht den Begriff des Kollateralschadens

Dokumentarfilm „Naza“ untersucht den Begriff des Kollateralschadens. Bei manchen Filmen allerdings wird der öffentliche Streit um sie selbst zur Geschichte.

Textgröße:

Filme erzählen eine Geschichte. Bei manchen Filmen allerdings wird der öffentliche Streit um sie selbst zur Geschichte. Der Dokumentarfilm »Naza« (hebräisch für »Kollateralschaden«) von Yuval Abraham und Rachel Szor, der beim Filmfestival von Venedig mit einem Preis ausgezeichnet wurde, ist so ein Film. Der auf anonymen Aussagen von 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstoffizieren beruhende Film beschäftigt sich nicht nur mit den Folgen der Bombardierungen des Gazastreifens durch Israel infolge des 7. Oktober 2023, sondern mit dem Mechanismus, der ihnen vorausging: der Sammlung von Informationen, der Auswahl der Ziele, der Einschätzung der Zahl der Zivilisten, die möglicherweise getroffen werden könnten, und der Frage, was als gerechtfertigter »Kollateralschaden« gilt. Doch es scheint, als verfehle die öffentliche Kontroverse, die der Film ausgelöst hat, die tiefere Frage, die er der israelischen Gesellschaft stellt. Verlust der Moral

Natürlich kann man über die Zuverlässigkeit einzelner Aussagen streiten, prüfen, ob eine bestimmte Erinnerung mit den Tatsachen übereinstimmt und ob einzelne Fälle Anlass für rechtliche Schritte geben könnten. Doch es gibt eine Tatsache, die nicht bestritten werden kann und die gerade im Titel des Films eingeschrieben ist: Was erklärt es über die Moral einer Gesellschaft aus, wenn sie die Verletzung Unschuldiger als »Kollateralschaden« bezeichnet? In der entsprechenden Begriffswelt wird ein Haus zu einer »Struktur«, eine Familie zu einer »Zahl« und ein getötetes Kind zu einem Zivilisten, der sich zufällig in der Nähe eines Ziels befand. Der Tod selbst wird zu einer Größe innerhalb eines Systems professioneller Erwägungen. So entsteht die psychologische und moralische Möglichkeit, eine Katastrophe aus der Distanz zu betrachten. Genau an diesem Punkt verliert die Sprache ihre eigentliche Bedeutung – und eine Gesellschaft ihr moralisches Empfinden. Noch bevor der Film in Israel gezeigt wurde, waren seine Regisseure bereits einer Diffamierungskampagne ausgesetzt. Sie wurden als Verräter bezeichnet und beschuldigt, »den Soldaten der israelischen Armee geschadet« zu haben – als hätte die Armee eine von der Regierung unabhängige Politik. Premierminister Benjamin Netanjahu gab den Ton an, als er erklärte, man müsse den Filmemachern die Staatsbürgerschaft entziehen, offenbar in der Annahme, Kritik an seiner Regierung rechtfertige einen solchen Schritt. Es liegt nahe, die Motive für diese Hetze – wahltaktische Erwägungen und der Versuch, die Aufmerksamkeit von den Versäumnissen der Regierung auf »verräterische Linke« zu lenken – als Bestätigung des berühmten Ausspruchs des britischen Universalgelehrten Samuel Johnson (1709–1784) zu verstehen, wonach »Patriotismus die letzte Zuflucht des Schurken« sei. Zugleich sollte man nicht nur feststellen, dass die im Film erhobenen Vorwürfe kaum sachlich beantwortet wurden, sondern auch, dass gerade in den Äußerungen offizieller Sprecher und Regierungsminister Aussagen zu finden sind, die einige seiner Vorwürfe zu bestätigen scheinen.

Nach israelischen Schätzungen beispielsweise waren etwa ein Drittel der in Gaza Getöteten Hamas-Kämpfer. Mit anderen Worten: Zwei Drittel der Getöteten waren Zivilisten oder andere Nichtkombattanten – was erneut die Frage aufwirft, was unter »Kollateralschaden« eigentlich zu verstehen ist. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Im Sommer prahlte Verteidigungsminister Israel Katz auf X damit, dass es »heute in Gaza eine Sicherheitszone gibt, die frei von Bewohnern und Häusern ist«, die sich über etwa 70 Prozent des Gazastreifens erstreckt. Selbst wenn man den politischen Kontext dieser Äußerung außer acht lässt, kann man nicht umhin, sich zu fragen, was die Formulierung »frei von Bewohnern und Häusern« tatsächlich bedeutet. Was ist aus den Menschen geworden, die in diesen Häusern lebten? Wohin sind sie gegangen? Und vor allem: Wie können emotional scheinbar neutrale Begriffe wie »Sicherheitszone«, »frei von Bewohnern« und »Kollateralschaden« es einer Gesellschaft erleichtern, sich ihrer moralischen Verantwortung zu entziehen? Hölle von Gaza

Während der Film den israelischen Entscheidungsmechanismus betrachtet, ermöglicht der ausführliche Bericht des französischen Historikers Jean-Pierre Filiu, »Un historien à Gaza« (deutsche Übersetzung: »Ein Historiker in Gaza«, Berlin 2025), einen Perspektivwechsel und einen Blick auf die Folgen von der anderen Seite. Filiu besuchte den Gazastreifen im Dezember 2024 und musste feststellen, wie abgrundtief sich das, was sich nun vor seinen Augen auftat, von dem Ort unterschied, den er in Erinnerung hatte. Filiu beginnt seinen Bericht mit der Beschreibung von verwüsteten Landschaften, die an Dantes »Inferno« erinnern. In Khan Junis, einer Stadt, die er gut gekannt hatte, sieht er eine Landschaft aus Kratern und Trümmern. Von einer Moschee ist nur noch ein Minarett übrig. Eine ganze Straße ist durch ein eingestürztes Gebäude blockiert, und das Dar-Al-Salam-Krankenhaus ist zu einem Schutthaufen geworden. Filiu betont, dass er verschiedene Kriegsschauplätze besucht, aber noch nie etwas Vergleichbares gesehen habe. Die von ihm genannten Zahlen vermitteln das Ausmaß der Zerstörung: 87 Prozent der Wohngebäude wurden beschädigt, mehr als 80 Prozent der Geschäfte zerstört, und zwei Drittel des Straßennetzes sind unbrauchbar. Doch so erschütternd die Zahlen auch sein mögen, sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Hinter jedem eingestürzten Gebäude standen Leben, hinter jedem verschwundenen Viertel ein soziales Gefüge, und hinter jeder Zahl verbergen sich Menschen, Familien, Erinnerungen und Träume.

Die menschliche Dimension der Zerstörung wird in den persönlichen Geschichten deutlich, die Filiu wiedergibt. Er schreibt von Menschen, die nicht einmal mehr den Ort ihres Hauses wiederfinden, Menschen, die lebendig unter den Trümmern begraben wurden, und Familien, die ihr vertrautes Umfeld und die Gemeinschaft verloren haben, in der sie gelebt hatten. Den von ihm angeführten Daten nach mussten etwa 1,9 Millionen Menschen ihren Wohnort mehr als einmal verlassen. Am Ende erwartete sie kein neues Zuhause, sondern ein beengter Raum von weniger als zwei Quadratmetern pro Person in einem Zelt. Leid der Kinder

Ein erschütterndes Beispiel ist die Geschichte der Familie Al-Fassi. Nachdem sie immer wieder vertrieben worden war, fand sie in einem Zelt am Meer Zuflucht. In einer kalten und stürmischen Nacht zitterte ihre erst drei Wochen alte Tochter Sila vor Kälte. Am nächsten Morgen fanden ihre Eltern das Kind tot vor. Im Nasser-Krankenhaus wurde als Todesursache Unterkühlung festgestellt. Es war der dritte derartige Fall in diesem Krankenhaus innerhalb von 48 Stunden, nach dem Tod eines drei Tage alten Babys und eines weiteren im Alter von einem Monat. Es ist schwer, Filius Bericht zu lesen und gleichwohl in der sterilen Sprache des »Kollateralschadens« zu verharren. Hinter diesem Begriff steht ein drei Wochen altes Baby, dahinter stehen ein Vater und eine Mutter, die versuchen, den Körper ihres Kindes warmzuhalten – und am Morgen finden sie ihre tote Tochter. Der »Kollateralschaden« beschränkt sich nicht auf den Tod und die Zerstörung der Familie. Er reicht bis in die elementarsten Bedingungen des Lebens hinein. Filiu beschreibt Müllhalden, barfüßige Kinder, Zelte, die weder vor Wind noch vor Regen schützen, im Sand ausgehobene Latrinen, den Geruch von Abwasser und den Mangel an Privatsphäre. Das Wasser ist vielleicht das deutlichste Beispiel für den Zerfall der elementaren Lebensbedingungen. Nach den von ihm angeführten Zahlen lag die täglich verfügbare Wassermenge vor dem Krieg bei etwa 80 Litern pro Person am Tag, während sie Ende 2024 auf etwa neun Liter gesunken war, davon rund zwei Liter zum Trinken. Auch hier verbirgt die Zahl die Wirklichkeit nicht weniger, als sie sie beschreibt. Neun Liter sind nicht nur eine statistische Größe. Sie stehen für einen Menschen, der mit einem Kanister Schlange steht, ein Kind, das auf Wasser wartet, eine Familie, die nicht weiß, wann sie ihren nächsten Behälter wieder füllen kann.

Die Zerstörung zeigt sich auch im Gesundheitssystem. Filiu beschreibt Krankenhäuser, die sich von Orten der Heilung in Räume der Angst, des Mangels und der Belagerung verwandelt haben. Verwundete und Kranke müssen unter extremen Bedingungen behandelt werden. Das System, dem es an Ausrüstung und Personal mangelt, ist nicht mehr in der Lage, eine grundlegende medizinische Versorgung sicherzustellen. Nach den von ihm angeführten Zahlen haben tausend Dialysepatienten und etwa zehntausend Krebskranke den lebenswichtigen Zugang zu Behandlung und medizinischer Betreuung verloren. Bleibende Verantwortung

Letztlich ergänzt Filius Bericht den Film. Während der Film sich mit den militärischen Entscheidungen beschäftigt, konzentriert sich Filiu auf deren menschliche Folgen. Er beginnt bei dem Menschen am anderen Ende der militärischen Entscheidung: bei der vertriebenen Familie, dem Kind, das nach Wasser sucht, dem Baby, das erfroren ist, dem Kranken, der auf Behandlung wartet, dem Arzt, der unter unmöglichen Bedingungen weiterarbeitet, der Stadt, die bis auf die Grundmauern zerstört wurde, und einer Gesellschaft, die auseinandergebrochen ist. Man kann über Zahlen, Zeugenaussagen oder eine bestimmte militärische Entscheidung streiten. Doch die faktische Kontroverse kann die moralische Frage nicht beseitigen: Was geschieht, wenn ein ganzes System sich daran gewöhnt, Menschen mit Begriffen zu beschreiben, die es ihm ermöglichen, sich von der menschlichen Bedeutung seines Handelns zu distanzieren? »Kollateralschaden« ist ein Begriff, der die Wirklichkeit aus der Perspektive des militärischen Systems ordnet. Er sortiert, klassifiziert und berechnet. Aber er beschreibt nicht die Erfahrung derjenigen, die auf der anderen Seite dieses Begriffs leben. In Gaza gibt es keinen »Kollateralschaden«. Es gibt den Verlust eines Hauses, einer Familie, eines Körpers, einer Erinnerung und einer Zukunft.

In dem Moment, in dem wir die Verletzung von Menschen mit einem technischen und professionellen Begriff beschreiben, fällt es leichter, sich von ihrer Bedeutung zu entfernen. Filius Bericht tut das Gegenteil: Er gibt den Begriffen und Zahlen Gesichter, Familien, Angst, Schmerz und Tod zurück. Er stellt die konkreten Folgen des Krieges der abstrakten Sprache gegenüber, in der dieser beschrieben wird. Die israelische Gesellschaft kann die Realität ignorieren, sie kann die Filmemacher verurteilen und sich sogar weiterhin von einem substanzlosen Gaukler in den Bann ziehen lassen. Doch nichts davon wird sie von ihrer Verantwortung entbinden. Und selbst wenn tausend Jahre vergehen, werden die in ihrem Namen begangenen Ungerechtigkeiten niemals weißgewaschen sein.

→ Ofer Chen ist Historiker und arbeitet an der Universität Tel Aviv sowie am Leo-Baeck-Institut in Jerusalem. In Pressebeiträgen befasst er sich regelmäßig mit der Geschichte und Gegenwart Israels und des Judentums. → Der Film »Naza« ist bereits angelaufen. Im Anschluss an die Kinoauswertung will die Londoner Zeitung The Guardian ihn auf ihrer Webseite als Stream zur Verfügung stellen.

(O.Joost--BBZ)