Berliner Boersenzeitung - Brückeneinsturz in Genua: Bis zu zwölf Jahre Haft für 32 der 57 Angeklagten

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Brückeneinsturz in Genua: Bis zu zwölf Jahre Haft für 32 der 57 Angeklagten
Brückeneinsturz in Genua: Bis zu zwölf Jahre Haft für 32 der 57 Angeklagten / Foto: Marco Bertorello - AFP

Brückeneinsturz in Genua: Bis zu zwölf Jahre Haft für 32 der 57 Angeklagten

43 Menschen starben, als im Sommer 2018 in Genua die Morandi-Autobahnbrücke einstürzte. Acht Jahre später und nach einem kräftezehrenden vierjährigen Gerichtsverfahren sind am Donnerstag 32 der 57 Angeklagten schuldig gesprochen und zu Strafen von bis zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Zum Abschluss des Mammut-Prozesses in der norditalienischen Stadt waren zahlreiche Opfer-Angehörige gekommen.

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Giovanni Castellucci, zum Zeitpunkt des Brückeneinsturzes Generaldirektor des Autobahnbetreibers Autostrade per l'Italia (Aspi), wurde unter anderem wegen fahrlässiger Tötung zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Für den damals für Instandhaltung zuständigen Aspi-Manager Michele Mitelli lautete das Urteil elf Jahre Haft. Die frühere Nummer zwei des Unternehmens, Paolo Berti, soll für fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis. Mehrere Verurteilte kündigten Berufung an.

Die Staatsanwaltschaft hatte für die 57 Angeklagten insgesamt mehr als 400 Jahre Gefängnis gefordert wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung. Bei den Angeklagten handelte es sich überwiegend um Führungskräfte von Aspi und dessen Tochterunternehmen Spea sowie um Angestellte des italienischen Infrastrukturministeriums.

Ex-Aspi-Chef Castellucci sieht die Schuld nicht bei sich. "Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig", sagte Castellucci vor den Richtern. Diese blieben mit der zwölfjährigen Haftstrafe weit hinter der Forderung der Staatsanwaltschaft zurück. Diese hatte für Castellucci 18 Jahre Gefängnis gefordert. Seine Verteidiger hatten den Vorwurf erhoben, der Ex-Manager solle zum "Sündenbock" gemacht werden.

Castellucci verbüßt bereits eine Haftstrafe. Er war wegen eines Verkehrsunglücks verurteilt worden, bei dem 2013 ein Bus ein Brückengeländer in Süditalien durchbrochen hatte und in die Tiefe gestürzt war. Damals starben 40 Menschen.

Auch der Einsturz der Morandi-Brücke hatte ein Schlaglicht auf den maroden Zustand von Italiens Verkehrsinfrastruktur und die fragwürdige Rolle von Aspi geworfen. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, die Instandhaltung des Bauwerks zur Kostenersparnis vernachlässigt zu haben.

Ein Pfeiler der Morandi-Brücke hatte am 14. August 2018 nachgegeben, sodass die Fahrbahn des vielbefahrenen, riesigen Bauwerks auf einer Strecke von etwa 200 Metern wegbrach. Dutzende Fahrzeuge stürzten in die Tiefe. Nach Angaben des Ermittlungsrichters waren seit der Einweihung der Brücke 1967 "nicht einmal minimale Instandhaltungsmaßnahmen ergriffen" worden, um die Tragseile von Pfeiler Nummer neun zu verstärken.

Dass der Betonstahl der 1,2 Kilometer langen Brücke spröde war, war bekannt. An den baugleichen Pfeilern zehn und elf waren Arbeiten vorgenommen worden. Für Pfeiler Nummer neun war eine Renovierung vorgesehen.

"Die Morandi-Brücke war eine Zeitbombe. Sie konnten es ticken hören, aber sie wussten nicht, wann sie explodieren würde", sagte Staatsanwalt Walter Cotugno in dem Prozess. Die Verteidigung vertrat hingegen die These, dass nicht mangelnde Wartung, sondern ein versteckter Baufehler zu dem Einsturz geführt habe: die Korrosion der Tragseile, die sich unter einer Betonummantelung befanden.

Die Vorsitzende des Opferangehörigen-Komitees, Egle Possetti, kritisierte unmittelbar vor der Urteilsverkündung, während der langen Gerichtsverhandlung habe "keine einzige Person gesagt: 'Ich trage einen Teil der Verantwortung'". "Das war hart", fügte sie hinzu. Possetti hatte bei dem Brückeneinsturz ihre Schwester, einen Neffen, eine Nichte und ihren Schwager verloren und trat in dem Mammut-Prozess als Nebenklägerin auf.

Michele Matti Altadonna, dessen Bruder bei dem Brückeneinsturz ums Leben gekommen war, reagierte auf die Urteilsverkündung mit Genugtuung. "Heute können wir sagen, dass dies diejenigen sind, die Schuld am Tod unserer Angehörigen sind", sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Italiens Vize-Verkehrsminister Edoardo Rixi erklärte, das Urteil sei ein "wichtiger Schritt auf dem Weg zu Wahrheit und Gerechtigkeit".

Mit der nicht einmal 20 Minuten dauernden Urteilsverkündung endete ein vierjähriger Prozess zu der Frage, ob die Betreiber der Morandi-Brücke das tödliche Unglück hätten verhindern können. Während des Verfahrens hatte es 283 Anhörungen gegeben, für den Mega-Prozess war im Hof des Gerichts von Genua ein Zelt errichtet worden.

Der Autobahnbetreiber Aspi und das für die Instandhaltung zuständige Unternehmen Spea standen nicht vor Gericht. Sie hatten einen außergerichtlichen Vergleich mit der Staatsanwaltschaft erzielt, der die Zahlung von 29 Millionen Euro an den Staat vorsieht. Nach dem Brückeneinsturz hatte auf Druck von Politik und Öffentlichkeit der Staat die Anteilsmehrheit an den beiden Unternehmen übernommen.

Nur wenige Kilometer vom Gericht entfernt, über einem Mahnmal für die Opfer des Unglücks, steht seit 2020 eine neue Autobahn-Brücke. Sie wurde nach Plänen von Star-Architekt Renzo Piano erbaut. "Diese Brücke soll tausend Jahre halten und aus Stahl sein", hatte der aus Genua stammende Architekt vorab verkündet.

(K.Müller--BBZ)