Berliner Boersenzeitung - 40 Jahre Klimaberichterstattung: Von der Warnung zur Solarrevolution

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40 Jahre Klimaberichterstattung: Von der Warnung zur Solarrevolution
40 Jahre Klimaberichterstattung: Von der Warnung zur Solarrevolution

40 Jahre Klimaberichterstattung: Von der Warnung zur Solarrevolution

Vor genau vierzig Jahren rückte der Klimawandel durch mediale Warnungen ins öffentliche Bewusstsein. Ein Rückblick auf die wissenschaftlichen Alarme, politische Meilensteine wie das Kyoto-Protokoll und das deutsche EEG sowie die bitteren Rückschläge in der Energiewende bis hin zur heutigen Extremwetterlage.

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Vor genau vierzig Jahren wurde die Erderwärmung in Deutschland zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Debatte. Der Spiegel präsentierte im August 1986 ein drastisches Titelbild: Eine Fotomontage des Kölner Doms, umspült von Fluten eines steigenden Meeresspiegels, mit der Überschrift „Die Klima-Katastrophe“. Der Artikel warnte vor Ozonloch, Pol-Schmelze und Treibhauseffekt. Obwohl die Darstellung übertrieben war – ein solcher Anstieg würde Jahrhunderte dauern – markierte sie einen Wendepunkt. Ein Thema, das zuvor Meteorologen und Umweltfachleuten vorbehalten war, erreichte nun die breite Öffentlichkeit.

Für den Autor dieser Zeilen, der als junger Redakteur der Frankfurter Rundschau früh den Schwerpunkt auf Umweltthemen legte, begann damit eine journalistische Reise von vier Jahrzehnten Dauer. In den 1980er Jahren galt der Klimawandel noch als ein Zukunftsszenario, das die Wissenschaft für das 21. Jahrhundert vorhersagte. Heute ist diese Prognose zur gegenwärtigen Realität geworden: Im Sommer herrscht sengende Hitze, Wälder werfen bereits im August ihr Laub ab, und Flüsse wie der Rhein führen Niedrigwasser.

Die wissenschaftliche Basis für die damalige Panik war jedoch solide. Anfang 1986 beschrieb die Deutsche Physikalische Gesellschaft eine drohende „Klimakatastrophe“. Ein Jahr später folgte mit der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft eine differenziertere Warnung vor weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen. Die Forscher erklärten präzise den Mechanismus: Durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, Waldrodung und industrielle Aktivitäten steige die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre, was die Wärmeabstrahlung behindere. Die Folge könne innerhalb von 50 bis 100 Jahren eine Erwärmung um mehrere Grad sein.

Der spätere Physik-Nobelpreisträger Klaus Hasselmann machte 1987 in einem Radiointerview deutlich, dass man nicht warten dürfe, bis der menschliche Einfluss auf das Klima zweifelsfrei aus den natürlichen Schwankungen herausrage. Dann sei es womöglich zu spät, korrigierend einzuwirken. Die Botschaft lautete: Handeln, bevor der letzte Beweis erbracht ist. Vorsorge statt Reparatur.

Die deutsche Politik reagierte. Der Bundestag setzte 1987 die Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ ein. In ihren Sitzungen saßen Abgeordnete aller Parteien mit Spitzenforschern zusammen, um Lösungswege zu finden. Klimapolitik war damals noch kein Kulturkampf. Die Kommission empfahl 1990, den deutschen CO2-Ausstoß bis 2005 um mindestens 30 Prozent zu senken. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl (CDU) beschloss ein nationales Minderungsziel von 25 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990. Deutschland verstand sich als klimapolitischer Vorreiter. Eine CDU-geführte Regierung verkündete das ehrgeizigste Klimaziel der Welt. Noch vor dem UN-Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro erklärte Kohl, Deutschland habe als erstes großes Industrieland die Verminderung der Trehausgase aktiv in Angriff genommen.

Eine Schlüsselfigur dieser Ära war Klaus Töpfer, den Kohl 1987 zum Bundesumweltminister machte. Töpfer, ein „Grüner mit CDU-Parteibuch“, verstand Umweltpolitik als Modernisierungspolitik. Beim Erdgipfel in Rio wurde er zum Vermittler zwischen Nord und Süd. Dort entstand 1992 mit der UN-Klimarahmenkonvention das erste globale politische Fundament gegen die Erderwärmung. Fast alle Staats- und Regierungschefs, darunter George H.W. Bush, François Mitterrand und Fidel Castro, erkannten an, dass die Konzentration der Trehausgase stabilisiert werden müsse.

Rio war eine Aufbruchszeit, ein Lichtblick nach dem Ende des Kalten Krieges. Die Hoffnung war groß, dass sich die Welt nun den wirklichen Problemen widmen würde. Hartmut Graßl, ein Pionier der deutschen Klimaforschung, erinnerte sich später an die große Bereitschaft, das Problem anzupacken. Töpfer blickte euphorisch zurück.

Doch es folgten Rückschläge. Die USA weigerten sich, sich auf verbindliche CO2-Minderungen festzulegen, und Entwicklungsländer pochten auf ihre historische Entlastung. Zugleich formierte sich Widerstand in der fossilen Wirtschaft. Dennoch gelang 1997 in Kyoto der nächste große Schritt: Das Kyoto-Protokoll verpflichtete Industriestaaten erstmals völkerrechtlich zur Begrenzung ihrer Emissionen. Auch wenn es unvollkommen war und von den USA nie ratifiziert wurde, stand das Prinzip: Klimaschutz konnte verbindliches internationales Recht werden.

Der vielleicht folgenreichste Beschluss jener Zeit fiel jedoch nicht auf einem UN-Gipfel, sondern in Berlin. Im Jahr 2000 beschloss die rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dessen Kern war revolutionär: Wer Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse erzeugte, erhielt einen garantierten Netzanschluss und für 20 Jahre eine feste Vergütung.

Die Folgen waren enorm. Vor allem die Photovoltaik, damals eine exotische und teure Technik, bekam einen Massenmarkt. Eigenheimbesitzer ließen Solaranlagen auf ihre Dächer, Bauern nutzten Scheunendächer, Bürger gründeten Energiegenossenschaften. Die Solarhersteller investierten in Fabriken, Stückzahlen stiegen, Preise sanken. Über 60 Länder übernahmen ähnliche Fördermodelle, schließlich stieg China mit seiner gewaltigen Industrieproduktion ein. Das deutsche EEG war der Startschuss für die weltweite Solarrevolution. Aus der belächelten Nischentechnik wurde eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Deutschland bezahlte mit seiner Anschubförderung die Lernkurve, von der heute die ganze Welt profitiert.

Dann kam 2003. Dieser Sommer war ein zweiter Einschnitt in der Klimaberichterstattung. Europa erlebte eine unvorstellbare Hitzewelle mit Temperaturen über 40 Grad, ausgetrockneten Flüssen, Waldbränden und Ernteausfällen. Europaweit starben mehr als 70.000 Menschen mehr als normal. Klimaforscher Graßl hatte erwartet, dass die Erderwärmung für Mitteleuropäer nicht mehr nur in Messreihen, sondern unmittelbar erfahrbar werde. Bei einem globalen Temperaturanstieg von 0,8 Grad war es so weit.

Graßl prägte den Satz: „Hitzetote zeigen die soziale Kälte einer Gesellschaft.“ Hitze treffe nicht alle gleich. Wohlhabende könnten sich schützen, während arme und alte Menschen in überhitzten Wohnungen oder im Freien gefährdet seien. Klimapolitik sei damit auch Sozialpolitik.

Eigentlich hätte 2003 ein Weckruf sein müssen. Doch Deutschland begann bald, den eigenen Erfolg zu demontieren. Als die Photovoltaik Fahrt aufnahm, reagierte die 2009 ins Amt gekommene Regierung von Union und FDP auf Druck der Energiekonzerne. Das Merkel-Kabinett kürzte die Solarförderung drastisch. Besonders verbunden war dieser Kurs mit dem damaligen Umweltminister Peter Altmaier (CDU). Der „Altmaier-Knick“ wurde zum Symbol für den Absturz der deutschen Solarindustrie. Der Ausbau brach ein, viele Unternehmen gingen pleite, über 100.000 Arbeitsplätze verschwanden. China übernahm den Markt.

Bei der Windkraft folgte einige Jahre später ein ähnlicher Fehler. Unter Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wurde das Fördersystem 2017 auf Ausschreibungen umgestellt und der Ausbau gedeckelt. Die Konstruktion erwies sich als problematisch, der Einbruch folgte. Es gehört zu den bittersten Erkenntnissen aus 40 Jahren Energiewende-Berichterstattung: Deutschland entwickelte viele Technologien und politischen Instrumente für eine klimaneutrale Wirtschaft und gab dann einen Teil seiner industriellen Führung freiwillig wieder ab.

Das gilt für Solarzellen, in abgeschwächter Form für Windkraft – und auch für die Elektromobilität. Während China später strategisch komplette industrielle Wertschöpfungsketten aufbaute, stampfte Deutschland sie ein und ließ das Feld brachliegen. Unglaublich, aber wahr: Auch heute wird hierzulande noch darüber diskutiert, ob der Verbrennungsmotor nicht vielleicht doch eine große Zukunft hat.

Natürlich lässt sich Geschichte nicht zurückspulen. Aber ohne diese „Retro-Politik“ stünde Deutschland heute wesentlich besser da – mit einer starken heimischen Solarindustrie, einer stabileren Windkraft-Branche, einer früher elektrifizierten Autoindustrie und weniger Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten.

Auf internationaler Ebene gab es einen Schub nach vorne beim Weltklimagipfel 2015 in Paris. Die Euphorie war groß. Der damalige französische Regierungschef François Hollande sprach von der „schönsten und friedlichsten Revolution“. Das Pariser Klimaab verpflichtete erstmals alle Staaten zur Begrenzung der CO2-Emissionen, mit dem Ziel, die Erwärmung deutlich unter zwei Grad, besser bei 1,5 Grad, zu halten.

Doch auch hier folgte schnell die Ernüchterung. Die Emissionen stiegen weiter an, das 1,5-Grad-Ziel ist inzwischen fast gerissen. Und während Politik und Wirtschaft zögerten, veränderte sich das Klima immer stärker. Der Sommer 2018 brachte extreme Hitze und Dürre, 2019 und 2020 waren kaum besser. Felder verdorrten, der Rhein führte extremes Niedrigwasser.

Hans Joachim Schellnhuber, langjähriger Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sagte damals: „Es gibt vermutlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir schlafwandeln hinein in eine Klimakrise mit dramatischen Folgen für die Weltgemeinschaft. Oder wir führen bewusst die rasche Transformation zur Nachhaltigkeit herbei.“

Wie zur Bestätigung solcher Warnungen kam 2021 die Flutkatastrophe an Ahr und Erft. Mehr als 180 Menschen starben, Häuser wurden fortgerissen. 2022 folgte der nächste europäische Hitzesommer. Schellnhuber sagte dazu: „Einen Klimawandel, der gravierende Auswirkungen hat, können wir nicht mehr abwenden.“ Das markierte eine neue Phase: Es ging zunehmend darum, wie Gesellschaften mit dem Unvermeidbaren umgehen.

Und jetzt 2026? Wieder hat Deutschland eine Mega-Hitze und -Trockenheit erlebt. Es ist das dritte Jahr nach 2018 und 2022 mit solchen Extremen, die in einem unveränderten Klima nur alle 50 Jahre zu erwarten wären. Wälder brennen, auch in Regionen wie der Eifel. Der Rhein erreicht historische Niedrigstände. Frachtschiffe transportieren nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung, Lieferketten geraten unter Druck. Die Dürre schädigt Landwirtschaft und Wälder, Hitze belastet Beschäftigte, Straßen, Schienen, Kraftwerke und Industrie.

Das entspricht den Prognosen aus den 1980er Jahren. Die Richtung wurde damals erstaunlich genau beschrieben: steigende Temperaturen, häufigere Hitzewellen, veränderte Niederschläge, Dürren, Extremregen, wachsende Risiken für Wälder, Landwirtschaft, Gesundheit und Infrastruktur.

Die aktuelle Reaktion wirkt ausgerechnet jetzt merkwürdig erschöpft. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) machte Urlaub, während die Klimakrise Anfang August eskalierte, mit einer Bilanz von 14.000 Hitzetoten. Merz hat Klimaschutz ohnehin nicht zum zentralen Modernisierungsprojekt seiner Regierung gemacht. Und seine Parteifreundin und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will neue Gaskraftwerke bauen und zugleich die erneuerbaren Energien bremsen.

Zwar braucht ein Stromsystem mit hohen Anteilen von Wind- und Solarenergie gesicherte Leistung für Dunkelflauten. Die Frage ist jedoch, ob dafür neue langfristige fossile Abhängigkeiten geschaffen werden – oder ob Speicher, flexible Nachfrage, europäische Stromnetze, grüner Wasserstoff und andere klimaneutrale Lösungen mit derselben Entschlossenheit vorangetrieben werden.

Gerade einem Kanzler, der sich als Wirtschaftskenner versteht, müsste einleuchten, dass der aktuelle Kurs in die Sackgasse führt. Inzwischen lässt sich die Rechnung für das Zögern konkret in Euro ausdrücken. Allein die Hitzewelle vom 17. bis 30. Juni dieses Jahres hat Deutschland nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos rund 6,3 Milliarden Euro gekostet. Das ursprünglich für 2026 erwartete Mini-Wachstum könnte so zerbröseln.

Verkehrte fossile Welt. Besonders irritierend ist der deutsche Kurs, weil die technische Entwicklung global längst in die andere Richtung läuft. Solarstrom ist extrem billig geworden, Windkraft ausgereift, Batterien günstiger, Elektroautos setzen sich weltweit durch. China baut in gigantischem Tempo erneuerbare Energien, Netze und Speicher aus.

Die Transformation, über die wir in den 1980er und 1990er Jahren noch theoretisch diskutierten, ist technologisch längst möglich. Die Frage ist, ob Deutschland hier wieder zur Spitzengruppe aufschließt oder weiter zurückfällt.

Das Fazit aus den 40 Jahren Klimapolitik? Resignation, weil alles viel zu langsam vorangeht, ergibt keinen Sinn. Zumal es Gründe zur Hoffnung gibt. Ohne die frühen Warnungen aus der Wissenschaft, ohne Rio und Kyoto, ohne das EEG, ohne das Pariser Klimaabkommen und ohne den Aufstieg von Wind- und Solarenergie wäre die Welt heute auf dem Weg in eine noch wesentlich stärkere Erwärmung.

Die vielleicht wichtigste Lehre aus diesen vier Jahrzehnten lautet nicht, dass Klimapolitik nichts bewirkt. Sondern im Gegenteil: Dort, wo sie konsequent betrieben wurde, hat sie enorm viel verändert, siehe EEG. Intelligente Ideen sind stärker als politische Rückschritte. Noch einmal Schellnhuber dazu: „Wir werden immer wieder ein paar überraschende Möglichkeiten finden, die Welt zu retten.“

(G.Gruner--BBZ)