DAX
177.5100
Das Niedrigwasser in deutschen Flüssen könnte nach Einschätzung von Ökonomen das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr zunichte machen. Nach Angaben des Bundeskartellamtes trägt das derzeitige Niedrigwasser des Rheins zudem zu einem "Nord-Süd-Gefälle" beim Spritpreis bei. Aufgrund anhaltender Hitze und Trockenheit erreichte das Niedrigwasser am Dienstag teils neue Tiefststände.
Am Pegel Kaub wurden Dienstagfrüh nur noch 24 Zentimeter gemessen, womit der bisher niedrigste bekannte Wasserstand im Jahr 2018 noch um einen Zentimeter unterschritten wurde, wie aus den von der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes veröffentlichten Pegelwerten hervorging. Auch in Köln und Duisburg lagen die Rheinpegel am Dienstagmorgen unter den bisherigen Tiefstmarken. In Düsseldorf erreichte der Pegel das Niveau des bisherigen Tiefstpunktes von 2018.
Den Vorhersagen zufolge könnten die Pegel am Rhein in den kommenden Tagen noch weiter sinken. Auch in anderen Flüssen wie der Donau gibt es Niedrigwasser. Ein Problem ist dies vor allem für die Binnenschifffahrt, da die Schiffe derzeit deutlich weniger Ladung transportieren können. Die niedrigen Pegelstände erhöhen somit die Transportkosten für die Wirtschaft und belasten vor allem Industriebranchen, die auf Massenguttransporte angewiesen sind.
Auswirkungen hat dies auf die Konjunktur: Ein "längerer Ausfall der Schiffbarkeit auf dem Rhein könnte das ganz klitzekleine Pflänzchen Wachstum, das wir haben, komplett ersticken", sagte IW-Ökonom Thilo Schaefer der "Bild"-Zeitung vom Dienstag. Demnach könnte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wegen des Niedrigwassers um 0,4 Punkte niedriger ausfallen als bisher erwartet.
ING-Analyst Carsten Brzeski erwartet, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr wegen des Niedrigwassers um 0,3 Punkte niedriger ausfallen könnte. Im zweiten Quartal war die Wirtschaft um 0,2 Prozent zum Vorquartal gewachsen; in ihrer Frühjahrsprojektion hatte die Bundesregierung für das Gesamtjahr ein BIP-Wachstum um 0,5 Prozent prognostiziert.
Laut Bundeskartellamt führt das Niedrigwasser des Rheins zu deutlichen regionalen Unterschieden beim Spritpreis. Demnach betrugen die regionalen Preisdifferenzen an den Tankstellen im Juli bei E5 im Schnitt bis zu elf Cent pro Liter und bei Diesel bis zu zehn Cent. Dieses "Nord-Süd-Gefälle" dürfe "insbesondere aus unterschiedlichen Kraftstoff-Beschaffungskosten resultieren", erklärte die Behörde.
Im Juli hätten die Beschaffungskosten im Süden und Südwesten im Schnitt niedriger als in vielen anderen Teilen Deutschlands gelegen, insbesondere bei E5. Dementsprechend waren in vielen Orten im Süden auch die Spritpreise im Monatsmittel im Juli günstiger. Deutlich mehr mussten Autofahrer den Angaben nach zufolge im Norden bezahlen, etwa in Schleswig-Holstein, aber auch in ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen und in Nordrhein-Westfalen.
Ab Mitte Juli seien die Beschaffungskosten vor allem im Westen beziehungsweise der Kölner Bucht stark angestiegen, erklärte das Kartellamt weiter. Der Transport sei an mehreren Stellen deutlich eingeschränkt. Rohöl wird demnach zwar meist über Pipelines zu den Raffinerien transportiert. Vorprodukte wie Gasöl, Naphta und andere aber beziehen die Raffinerien aber häufig per Binnenschiff.
Die Grünen im Bundestag forderten angesichts der teils extremen Hitze in diesem Sommer und der Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft eine Krisenkoordinierung im Kanzleramt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) "müsste eine Krise diesen Ausmaßes zur Chefsache machen", sagte Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge der Nachrichtenagentur AFP. Es sei "fahrlässig", dass Merz die Hitze und die Folgen der Klimakrise "komplett ignoriert". Angesichts der niedrigen Wasserpegelstände des Rheins hat Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) für Donnerstag eine Fachkonferenz in Bonn einberufen.
(K.Müller--BBZ)